09.04.2020

Covid-19 in Afrika

Die Covid-19-Pandemie macht auch vor Afrika keinen Halt. FSJler Paul Zmarzly fasst die Situation auf dem Kontinent zusammen und blickt insbesondere auf unser Projektland Ruanda.

Seit März steht die Welt auf dem Kopf, gerade in Europa – dem neuen Krisenherd. Es ist eher ungewöhnlich, dass Europa als Krisenherd bezeichnet wird. Das Wort wird oftmals eher mit dem afrikanischen Kontinent assoziiert. In der globalen Covid-19-Krise scheint Afrika jedoch – zumindest bisher – einigermaßen glimpflich davon zu kommen. Zwar steigen auch hier die Fallzahlen, aber viele afrikanische Regierungen haben schon frühzeitig reagiert.

Beispielsweise hat das westafrikanische Land Sierra Leona seit Ende Januar bestimmt, dass sich jeder Einreisende aus China in eine zweiwöchige Quarantäne begeben muss. Bis heute hat Sierra Leone sechs bestätigte Covid-19 Infizierungen. Die ersten beiden Fälle wurden jedoch erst am 02.04.2020 bekannt gegeben. Daran sieht man, wie hilfreich schnelle Maßnahmen in Europa gewesen wären.

Sierra Leone ist aber nicht das einzige afrikanische Land, welches früh Maßnahmen ergriffen hat. Beispielsweise gilt in dem kleinen ostafrikanischen Staat Ruanda eine Ausgangssperre, mindestens bis zum 19.04.2020. Zudem sind die Landesgrenzen auch bis zum 19.04.2020 geschlossen, alle Ruander und Nicht-Ruander mit Wohnsitz in Ruanda dürfen einreisen, müssen sich jedoch in staatlich festgelegte Quarantänestellen begeben. Außerdem sind seit dem 20.03.2020 alle Flüge von oder nach Ruanda suspendiert, vorerst für 30 Tage.

Doch auch andere Faktoren spielen in Afrika bei der Ausbreitung und Kontrolle von Covid-19 eine Rolle. Auch wenn in den letzten Tagen die Zahlen der Infizierten weiter deutlich angestiegen sind, so wird der Verlauf deutlich anders sein, denn man muss bedenken, dass rund 50% der in Afrika lebenden Menschen unter 25 Jahre alt sind. Beispielsweise liegt das Durchschnittsalter in Ruanda gerade einmal bei 19,6 Jahren. Dazu kommt, dass gerade einmal 6% der Bevölkerung in Afrika über 65 Jahre alt sind und somit zur Hochrisikogruppe gehören, ganz anders als in Europa, da sind es rund 20%. Dazu kommt auch noch, dass Ältere in Europa oftmals Zimmer an Zimmer wohnen durch Einrichtungen oder Lage des Wohnumfeldes, wohingegen Ältere in Afrika ausschließlich in einem familiären Umfeld leben. Andererseits leben in Afrika auch viele Menschen mit Vorerkrankungen, wie z.B. HIV/Aids, die das Immunsystem schwächen. Wie sich diese Tatsache auswirken wird, ist noch völlig unklar.

„Social Distancing“ ist kaum möglich

Die afrikanischen Regierungen setzen durchgehend auf starke Einschränkungen der Freizügigkeit, um die Ausbreitung von Covid-19 zu verhindern. Aber bei Maßnahmen wie dem „Social Distancing“, also mindestens zwei Meter Abstand voneinander halten wird es schwierig in den Slums, beispielsweise in Nairobi oder Lagos. Das Wichtigste ist dann, wenn die Leute schon nicht die Möglichkeit haben Abstand zu halten, dass sie regelmäßig Händewaschen können. Doch in vielen afrikanischen Ländern mangelt es an den einfachsten Sanitäranlagen, vielerorts gibt es noch nicht einmal zuverlässig sauberes, fließendes Wasser.  Es ist zwar möglich, Covid-19-Infizierte zu behandeln und zu versorgen, aber nur bis zu dem Zeitpunkt an dem der/die Patient*in dauerhaft beatmet werden muss. Ab diesem Zeitpunkt gibt es nur noch eine Hand voll Kliniken auf dem afrikanischen Kontinent, die diese Bedürfnisse versorgen könnten. Also ist es von enormer Wichtigkeit, dass alle Präventionsmaßnahmen eingehalten werden und  funktionieren.

Wie bereits erwähnt haben viele afrikanische Staaten sich sehr früh zur Ergreifung von Präventionsmaßnahmen entschieden. Dies geschah nicht unbedingt aus zu großer Angst vor Covid-19, sondern weil viele afrikanische Staaten Erfahrung damit haben gegen Epidemien vorzugehen. Beispielsweise während der Ebola-Pandemie 2014 bis 2016, bei der rund 11.000 Menschen verstarben. In Afrika hat man daher schon mehr Vorerfahrung und die Regierungen wissen, dass es wichtig ist schnell und entschieden zu handeln.

Schwere wirtschaftliche Schäden erwartet

Eine der Präventivmaßnahmen, welche von immer mehr Ländern getroffen wird, ist die Schließung aller Landesgrenzen und somit isolieren sich viele Staaten selbst. Das führt aber wiederum zu Einbußen in der Wirtschaft, sowie eine annähernde Stagnation im Im-und Export. Das kann einige Staaten in eine sehr missliche Lage bringen, besonders betroffen sind Staaten deren Einnahmen auf speziellen Exportabsatzmärkten erzielt werden. Im Extremfall könnte es dazu führen, dass es einen Konjunktureinbruch gibt und die Länder in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die gesamte regionale und nationale Wirtschaft könnte dadurch zum Erliegen kommen, die Staaten hätten dann kein Geld mehr um das gesellschaftliche Leben aufrecht zu erhalten, um z.B. Lehrer und Beamte zu bezahlen oder wichtige Bauvorhaben voran zu bringen. Die Armut in den sowieso schon armen Ländern würde zunehmen.

Aber nicht nur die Wirtschaft könnte erhebliche Einbußen zu verzeichnen haben, es leiden unter anderem auch Hilfsprojekte aller Art darunter. Hilfsprojekte, die durch Nichtregierungsorganisationen organisiert werden, sind besonders stark betroffen. Denn sie sind auf private Spenden angewiesen, und durch die Covid-19-Krise in Europa und der ganzen Welt leidet auch dort die Wirtschaft, und die Menschen spenden weniger Geld. Auch Aktion Tagwerk und Human Help Network bekommen dies zu spüren. Außerdem arbeiten in der Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Nothilfe oftmals Leute aus der ganzen Welt zusammen. Da viele Länder des globalen Nordens ihre Staatsbürger von überall auf der Welt mit Rückholaktionen zurück in ihre Heimatländer zu überführen, fehlen nun auch immer mehr die nötigen Mitarbeiter der jeweiligen Projekte.

Wie sieht die Situation im Aktion Tagwerk-Projektland Ruanda aus?

In Ruanda herrscht aktuell ein einheitliches Vertrauen in die Regierung und ihren Präsidenten Paul Kagame. Die Bevölkerung hält sich an alle Beschlüsse und Regeln und zeigt sich auch sehr solidarisch gegenüber ihren Mitmenschen. Ebenso sind die Länder in dieser Region (Zentral- und Ostafrika) ein wenig näher zusammen gekommen und zeigen sich auch solidarisch zueinander. Beispielsweise gab es gerade in den letzten Jahren zwischen Ruanda und Burundi immer wieder Spannungen, aber aufgrund der aktuellen Situation stehen beide Regierungen in einem engen Kontakt um sich gemeinschaftlich über Präventionsmaßnahmen und weitere Schritte zu beratschlagen. Seit dem 01.04.2020 gelten die folgenden Maßnahmen in ganz Ruanda:

– Ausgangssperre und Kontaktverbot bis einschließlich 19.04.2020

– Landwirtschaft unter besonderen Auflagen

– Alle Schulen, Hochschulen, Kindergärten und Universitäten bleiben geschlossen

– Alle, die die Möglichkeit haben, sollen ins Home-Office gehen

– Geschlossene Grenzen, alle Heimkehrenden müssen sich in eine zweiwöchige, staatlich festgelegte Quarantäne begeben, nötiger Warenverkehr darf weiterhin stattfinden

– Es ist verboten, seine Region in der man lebt zu verlassen, außer für medizinische oder dringend notwendige Bedürfnisse

– Alle Läden außer Drogerien, Apotheken und Supermärkte müssen geschlossen sein

– Motos dürfen keine Personen mehr befördern sondern höchstens nur noch als Lieferdienst tätig sein

Das größte Problem ist jedoch, dass ein großer Teil der Bevölkerung tageweise arbeitet und somit von der Hand in den Mund lebt. Dadurch, dass es aktuell kaum Arbeit gibt, haben diese Leute zurzeit kein Einkommen und somit nicht die Möglichkeit, sich und gegebenenfalls ihre Familie zu ernähren. Für dieses Problem sucht die Regierung aktuell nach einer langfristigen Lösung.Bisher müssen die Betroffenen zu ihrer örtlichen Administrationsstelle gehen, um sich dort ihr tägliches Essen abzuholen. Bei dieser Behördenstelle kann man sich einmal in der Woche etwas zu Essen abholen. Pro Person stehen etwa fünf Kilogramm Reis pro Woche zur Verfügung.

Neben den ganzen Unsicherheiten für die nächste Zeit geht man sehr vorsichtig mit dem Thema „Covid-19“  um. Die Bevölkerung weiß, auch wenn sie potenziell nicht zur Risikogruppe gehört, dass es wichtig ist sich an alle Vorgaben zu halten, um sich und seine Familie und Freunde nicht unnötig in Gefahr zu bringen. Das liegt vor allem auch daran, dass die Regierung regelmäßig darauf hinweist.

Genozid-Gedenkfeier wird Zuhause begangen

Außerdem ist der 07.04.2020 der „Genozid-Gedenktag“, wobei sich tausende von Menschen zum Genozid-Denkmal begeben, um den Opfern und Hinterbliebenen zu gedenken. Aufgrund der aktuellen „Corona-Krise“ kann dieser Tag nicht wie gewohnt stattfinden. Das Denkmal ist für die Öffentlichkeit gesperrt, die Regierung hat alle dazu aufgefordert zu Hause zu bleiben und die öffentliche Gedenkfeier im Radio und im Fernsehen zu verfolgen. Die Regierung bittet zudem um Verständnis für diese Maßnahmen, es gab zwar vereinzelt Stimmen, die ihren Unmut geäußert haben, aber letztendlich sind wohl alle aufgrund der Situation zufrieden damit die Gedenkfeier zumindest „live“ miterleben zu können.

Aber auf eine Frage gibt aktuell noch keine Antwort, weder in Afrika, noch Europa oder sonst irgendwo auf der Welt: Wann ist die „Corona-Pandemie“ vorbei? Und genau das bringt die Welt wieder näher zusammen, eine Herausforderung auf vielen Ebenen mit der sich jede und jeder Einzelne auseinander setzten soll und muss. Ein Virus wie Covid-19 macht keine Halt vor Grenzen, macht keinen Halt vor Hautfarbe, er unterscheidet nicht nach Geschlecht oder Alter und den Virus interessiert es auch nicht, wieviel Geld oder was für einen sozialen Status man hat. Das Einzige, das den Virus interessiert, ist, ob man gründlich Hände wäscht, zwei Meter Abstand hält und ob man alleine ist.

Paul Zmarzly

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Katrin Dörrie

Als Referentin für Globales Lernen kümmert sich Katrin Dörrie um die Vermittlungen der neuesten Informationen aus den unterstützten Projektländern und Projekten. Unter anderem ist sie für die Inhalte des Aktion Tagwerk-Blogs verantwortlich.

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