24.04.2019

Drei Jahre in Kamuli – ein Rückblick

Esther und Dominique Kronsbein haben in den vergangen drei Jahren im Jugend- und Ausbildungszentrum St. Joseph in Kamuli / Uganda gelebt und gearbeitet. Dominique war als Projektkoordinator von Human Help Network unter anderem für die von Aktion Tagwerk unterstützten Projekte verantwortlich. Esther forschte für ihre Doktorarbeit und unterstützte Dominique bei der Projektarbeit. Seit Anfang des Jahres sind sie nun wieder zurück in Deutschland. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen.

Drei Jahre lang habt ihr im Jugend- und Ausbildungszentrum St. Joseph in Kamuli / Uganda gelebt und gearbeitet. Könnt ihr das Zentrum kurz vorstellen?

Dominique: Das Zentrum ist eines der größten Berufsbildungszentren in Uganda, was die Absolventenzahlen betrifft liegt es auf jeden Fall unter den Top 5. Das Zentrum bietet elf Ausbildungsgänge an. Der Schwerpunkt liegt ganz klar auf Landwirtschaft, und mittlerweile auch Solarenergie. Und natürlich auch Automechanik. Es ist ein riesiges Gelände, und ganz wichtig, da das Zentrum ja von Salesianern [Katholischer Orden, der sich der Kinder- und Jugendarbeit verschrieben hat, Anm. d. Red.] betrieben wird, gibt es nachmittags noch eine sehr intensive Freizeitbetreuung durch die Salesianer. Es gibt ein sehr großes Jugendzentrum mit sehr vielen verschiedenen Aktivitäten.

Esther: Da können die Jugendlichen ihre Talente entwickeln, sei es im Bereich Theater, Musik, Sport. Es wird alles angeboten, was junge Leute gerne mögen und was ihnen hilft, sich weiterzuentwickeln, Spaß zu haben und Gemeinschaft zu erleben.

Der Aufbau der Lehrwerkstatt „German Garage“, die Satelliteninstitute, in denen Kurzausbildungen für Frauen und Mädchen in ländlichen Regionen angeboten wurden, die Arbeitsgruppe „Abeemikwano“, bei der Mädchen einen Teil ihrer Ausbildungsgebühren erarbeiten konnten… – Eure Aktivitäten in den letzten drei Jahren waren zahlreich. Welche Maßnahme war für Euch rückblickend am erfolgreichsten?

Dominique: Die Satelliteninstitute. Das ist wirklich ein Projekt, wo ich gar nicht viel gemacht habe, sondern wo die inhaltliche Ausgestaltung und die Umsetzung von den Begünstigten gesteuert wurden. Wir haben im Vorfeld eine Befragung durchgeführt, wie das Berufsausbildungszentrum in Kamuli den Frauen dort [in den ländlichen Regionen] helfen kann. Und wir haben die Frauen befragt, nicht irgendwelche Experten, die Frauen selbst sind die Expertinnen. Und sie haben uns gesagt, sie würden gerne in Landwirtschaft ausgebildet werden. Denn in der Region ist die Landwirtschaft beschränkt auf zwei oder drei Feldfrüchte. Wir haben ihnen gezeigt wie sie Gemüse anbauen können, weil sie das so wollten. Und deswegen sind sie auch immer [zum Unterricht] gekommen. Und sie wollten zusätzlich immer noch eine Ausbildung z.B. in Kunsthandwerk, in Kreideherstellung oder Schweinezucht haben, und das haben sie auch bekommen. Die Frauen selbst haben das beschlossen, sie haben gesagt um welche Uhrzeit der Unterricht stattfinden soll, wann er stattfinden soll, in welchem Rahmen er stattfinden soll. Und dadurch war das eines der größten Erfolge, die wir dort hatten, weil es extrem effektiv war.

Esther, Du hast während Eurer Zeit in Kamuli eine Theatergruppe geleitet. Zusammen mit Jugendlichen aus dem Zentrum hast du Theaterstücke entwickelt, die aktuelle Probleme und Fragestellungen der Jugendlichen behandeln. Welche Themen beschäftigen die Jugendlichen in Kamuli besonders?

Esther: Da gab es einiges. Wir hatten eigentlich nie Probleme, ein Thema zu finden. Das erste Thema hat sich eigentlich von selbst ergeben, weil wir im Zentrum einen Fall von Selbstmord hatten. Das hat die Jugendlichen sehr beschäftigt. Wir haben in der Gruppe lange reflektiert, was kann passieren, damit ein Mensch sich dazu gezwungen fühlt. Und da kamen sehr viele Ideen. Die Jugendlichen, so sehr sie am Anfang Probleme hatten sich das vorzustellen, haben dann sehr schnell Themen gebracht die sie belasten und wo sie sich vorstellen konnten, wenn das alles zusammen kommt, dann könnte man auf so eine Idee kommen. Da waren ungewollte Schwangerschaften dabei, falsche Freunde, Gruppendruck, da waren aber auch Themen dabei wie Armut zuhause, häusliche Gewalt, Alkoholismus. Auch in späteren Stücken spielten diese Themen immer wieder mit rein. Da merkte man leider auch, dass viel persönliche Erfahrung der Jugendlichen mit eingeflossen ist. Bis hin zu Themen wie sexuellen Missbrauch, HIV… Da bringen die Jugendlichen leider auch sehr viele traurige Erfahrungen mit. Deswegen ist es auch so gut und so wichtig, dass in St. Joseph nicht nur Ausbildung angeboten wird, sondern eben auch diese Freizeitangebote, die ihnen helfen können diese Erfahrungen zu verarbeiten und trotzdem Freude an ihrem jungen Leben zu finden.

In den drei Jahren habt ihr viele Menschen und ihre Geschichten aus der Region Kamuli und darüber hinaus kennengelernt. Gab es eine Begegnung, eine Begebenheit oder ein Schicksal, das Euch ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Esther: Bei mir sind ganz besonders die Geschichten hängengeblieben von Menschen, die Opfer der Korruption oder den schlechten Bedingungen in den Krankenhäusern geworden sind. Teilweise, weil keine Materialien vorhanden waren, weil die hygienischen Bedingungen so schlecht waren, weil Ärzte gefehlt haben. Menschen sind an vermeidbaren Dingen gestorben. Das haben wir leider sehr oft erleben oder hören müssen. Das hat einen dann immer sehr mitgenommen. Weil man gewusst hat, in Deutschland wäre das überhaupt kein Problem gewesen. Und dort, aufgrund der Umstände, sind sie halt gestorben. Und das tat dann immer sehr weh, das mitzubekommen. Weil es oft auch Kinder betraf, schwangere Frauen, wo man dann dachte: wieso? Es wäre doch eigentlich nicht nötig.

Was war anders, als ihr erwartet habt? Was war besser, was schlechter?  

Dominique: Ich glaube, da ich vorher nur mit Ruanda Erfahrung hatte und nicht wie Esther Erfahrungen mit vielen verschiedenen Ländern, dachte ich, es wird so ähnlich. Und da bin ich total falsch gelegen. Es war nicht annähernd ähnlich. Uganda ist einfach komplett unterschiedlich, das lässt sich nicht miteinander vergleichen. Da war ich am Anfang etwas überrascht.

Esther: Und man kann sich vorher einfach nicht vorstellen, egal wie sehr man es versucht, wie es ist, im Projekt zu leben. Das hat wahnsinnige Vorteile, es hat Nachteile, es ist manchmal sehr anstrengend weil man quasi immer verfügbar ist. Es ist auf der anderen Seite aber auch schön, weil man eingebunden ist, aber wie sich das tatsächlich anfühlt, kann man sich, egal wie viele Informationen man vorher hat, einfach nicht vorstellen.

Was habt ihr persönlich in den drei Jahren gelernt?

Dominique: Ich glaube, das wichtigste ist, dass man gute Projekte nur machen kann, wenn man Begünstigte involviert. Das war eine These von mir, bevor wir nach Uganda gegangen sind, und sie hat sich wirklich, von meinem Standpunkt aus, bewahrheitet. Und diese Erkenntnis wird mich auch als Sozialarbeiter in Deutschland weiter bringen und wird mich zu einem besseren Sozialarbeiter machen.

Wie wird es nun weitergehen in Kamuli? Eure Projektaktivitäten habt ihr in die kompetenten Hände von Sozialarbeiterin Vicky und dem Werkstatt-Chef Albert gegeben. Was erwartet die beiden in nächster Zeit?

Dominique: Vicky und Albert führen die Projekt im Moment einfach so weiter, wie wir sie zurückgelassen haben. Der einzige Unterschied ist, dass Vicky einen größeren Fokus auf das Jugendzentrum legen wird. Weil es wichtig ist, dass dieses Zentrum Teil der engeren Gemeinde wird. Das Berufsausbildungszentrum ist über die Grenzen von Kamuli hinaus bekannt, aber das Jugendzentrum kennt man selbst in Kamuli kaum. Deswegen wurde zusammen mit den Salesianern beschlossen, dass Vicky sich mehr auf die Jugendzentrumsaktivitäten konzentrieren  und mehr Gemeinwesenarbeit machen soll, was ich eine sehr gute Entscheidung finde. Weil sie das auch sehr gut kann, sie kann sehr gut mit Jugendlichen umgehen, und ich glaube, dass sie da eine Richtung weisen kann im Jugendzentrum.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Katrin Dörrie

Als Referentin für Globales Lernen kümmert sich Katrin Dörrie um die Vermittlungen der neuesten Informationen aus den unterstützten Projektländern und Projekten. Unter anderem ist sie für die Inhalte des Aktion Tagwerk-Blogs verantwortlich.

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