04.04.2019

„EDD ist das Fundament meines Lebens“

Das Straßenkinderzentrum „Les Enfants de Dieu“ (EDD) in der ruandischen Hauptstadt Kigali ist das Zuhause von ca. 100 Jungen. Es handelt sich um ehemalige Straßenkinder, die durch den ganzheitlichen Ansatz zur Reintegration wieder einen Platz in der Gesellschaft und möglichst auch in ihrer Familie finden sollen. Willy Mutabazi, 25 Jahre alt, steht heute auf eigenen Beinen und berichtet im Gespräch mit Aktion Tagwerk von dem Einfluss, den das Straßenkinderzentrum auf sein heutiges Leben hat.

Hallo Willy! Kannst Du uns erst mal erzählen, wie Du zu EDD gekommen bist?

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich zu EDD gekommen bin. Ich glaube es war 2006 oder 2005. Ich war ungefähr 12 Jahre alt und habe davor vier Jahre auf der Straße in Kigali gelebt. Im Grunde wollte ich mein Leben auf der Straße beenden, um irgendwann in der Lage zu sein, meiner Mutter zu helfen. Ich konnte nicht zurück zu meiner Familie, da ich dort nicht dieselbe Unterstützung erhalten hätte, wie bei EDD. In diesen vier Jahren auf der Straße war ich schon ein paar Mal im Zentrum, ich bin aber jedes Mal wieder weggelaufen, weil es dort viele Regeln gab, z.B. dass man nicht mehr rauchen durfte. Wenn Du auf der Straße lebst, rauchst du viel und generell kannst Du einfach machen, was Du willst. Aber dieses Mal wollte ich mein Leben verändern, deshalb bin ich zu EDD gegangen. Insgesamt habe ich fast fünf Jahre dort gelebt.

Wie hat Dich die Zeit bei EDD geprägt? Was konntest Du dort für Deine Zukunft mitnehmen?

Ich würde sagen, dass EDD das Fundament meines Lebens ist, des Lebens, das ich heute führe. Zunächst hat es mich zu einem besseren Menschen gemacht. Vor EDD war ich wütend und traurig. Ich hatte viele Begründungen dafür, warum das Leben so schrecklich für mich und all die anderen Straßenkinder ist. EDD hat mir Hoffnung gegeben, denn ich war dort mit all diesen anderen Kindern, die ähnliche Lebensgeschichten hatten wie ich und die teils viel mehr durchgemacht hatten als ich. Außerdem hat mir das neue Umfeld mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zentrums gut getan. Sie haben sich wirklich um uns gesorgt und uns gezeigt, dass wir wichtig sind. Es gab auch immer wieder Volontäre, die so viel Zeit mit uns verbracht und uns Englisch beigebracht haben. Diese ganzen neuen Umstände haben mir Hoffnung gegeben und dafür gesorgt, dass ich mich für die Welt und für Menschen in meinem Leben öffnen konnte. Das war aus heutiger Sicht der größte Einfluss, den EDD auf mein Leben hatte. Ich habe gelernt, dass ich etwas schaffen kann und in der Lage dazu bin, alles zu erreichen, was ich möchte. Natürlich habe ich dort auch einen Zugang zu Bildung bekommen. Auf diese Weise hat das Zentrum mich auf die Zukunft vorbereitet.

Wie sah Deine Zeit nach EDD aus und was machst Du heute?

Also selbstverständlich hat EDD mein Leben verändert. Nach diesen fünf Jahren bin ich wieder zu meiner Mutter gezogen, ich bin mit der Unterstützung von EDD weiter in die Schule gegangen und habe die Sekundarschule abgeschlossen. In der Zwischenzeit habe ich angefangen neben der Schule zu jobben und habe außerdem Möglichkeiten bekommen, zu reisen und an Universitäten und weiterführenden Schulen meine Geschichte zu erzählen. Nach der Schule habe ich dann angefangen, richtig zu arbeiten. Und wie mein Leben heute aussieht? Es ist wirklich gut, ich arbeite viel, ich habe immer zwei oder drei Jobs und dadurch bin ich in der Lage, meiner Familie zu helfen, mich um meine Familie zu kümmern. Sie können in einem guten Haus leben und gut essen. Mein Leben ist toll und ich habe wirklich gar keine Beschwerden.

Für viele Jungen bei EDD bist Du heute ein großes Vorbild. Was hältst Du davon?

Ich bin wirklich glücklich, dass ich ein Vorbild für einige Kinder sein kann. Es gibt bei EDD viele Jungen, die mir sagen: „Ich will so sein wie du“ wenn ich im Zentrum zu Besuch bin. Das motiviert mich, mich noch mehr anzustrengen. Ich sage ihnen dann immer, dass sie nicht so werden müssen wie ich, weil sie selbst auch in der Lage sind, alles zu sein, was sie wollen. Wenn ich diese Gespräche mit ihnen führe, erinnern sie mich dadurch auch, daran festzuhalten, was ich in meinem Leben erreichen möchte und außerdem, wo meine Wurzeln sind. In diesem Sinne sind sie sozusagen auch ein Vorbild für mich. Es ist auf jeden Fall eine große Ehre für mich, ein Vorbild für Kinder sein zu können, die dasselbe im Leben durchgemacht haben wie ich.

Hast Du noch Kontakt zu EDD?

Ich habe immer noch eine sehr enge Verbindung zu EDD, ich helfe dort wo ich kann. Dieser Ort ist mein Zuhause und wird das auch immer sein. Die Kinder dort sind meine Familie. Ich versuche, so viel zu machen, wie ich kann, auch einfach nur Zeit mit den Jungs zu verbringen und Spaß mit ihnen zu haben, z.B. wenn wir zusammen Fußball spielen. Außerdem helfe ich dem Zentrum beim Fundraising, also für bestimmte Anlässe nach Sponsoren und Spendern zu suchen. Dort heute helfen zu können bedeutet mir viel, denn ich möchte, dass viele Kinder die Unterstützung erhalten können, die auch ich erhalten habe.

Vielen Dank für das Gespräch, Willy!

Das Interview führte Meike Brenner

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Meike Brenner

Als studentische Mitarbeiterin unterstützt Meike Brenner sowohl das hauptamtliche als auch das Freiwilligen-Team von Aktion Tagwerk bei allem, was gerade anfällt. Im Rahmen eines Praktikums unterstützte sie 2014/2015 die Arbeit des Straßenkinderzentrums "Les Enfants de Dieu" für sechs Monate in Kigali.

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