14.04.2020

Fünf Tage Ruanda und wieder zurück

Tabea sollte momentan eigentlich für 5 Monate als Praktikantin der Sozialen Arbeit die Projekte von Aktion Tagwerk in Ruanda unterstützen. Dann kam die COVID 19-Pandemie dazwischen.

Das Studium der transnationalen Sozialen Arbeit der Frankfurt University of Applied Sciences sieht im letzten Semester des Studiums ein Auslandspraktikum im außereuropäischen Ausland vor. Da ich Human Help Network und auch Aktion Tagwerk schon durch mein weltwärts Jahr im Pattaya Orphanage in Thailand kannte, wusste ich auch von den weiteren Projekten der Organisationen. So kam es, dass ich mich im Sommer letzten Jahres bei der Strive Foundation Rwanda, welche die Projekte von HHN und Aktion Tagwerk in Ruanda umsetzt, um eine Stelle für ein Anerkennungspraktikum für die staatliche Anerkennung zur Sozialarbeiterin bewarb. Nach vielen ausgetauschten Emails und einem Vorstellungsgespräch über „zoom“ stand nach einigen Wochen fest: ich werde mein Praktikum in der Strive Foundation Rwanda in Kigali machen!

Anfangs werden noch Pläne für meine Unterstützung der Projekte geschmiedet

Nach mehreren Monaten der Vorbereitung flog ich – nach vorheriger Absprache mit dem Auswärtigem Amt und der Botschaft Ruandas in Berlin – am 12.März nach Kigali. Dort wurde ich herzlichst von Projektleiter Leopold empfangen und zu meiner Unterkunft gebracht. Am nächsten Tag ging es direkt ins Büro, wo ich meine zukünftigen Kolleg*innen bei einem gemeinsamen Mittagessen kennen lernte. Nach dem Mittagessen schaute ich mir noch den Imanzi Kindergarten an und stellte mich den Lehrerinnen und Betreuerinnen vor, da ein Teil meines Praktikums auch im Imanzi Kindergarten stattfinden sollte.

Daraufhin setzten sich Direktor Bernard, Projektleiter Leopold und ich uns zusammen, um die nächsten Wochen meines Praktikums durchzuplanen. Mein Praktikum in der SFR sollte in drei Bereiche eingeteilt werden. Zum einen die Arbeit im Büro und dem Imanzi Kindergarten in Kigali,  dann die Zusammenarbeit mit Sozialarbeiterin Esperance in den Children Households im Nyamasheke Distrikt und zu guter Letzt die Zusammenarbeit mit Sozialarbeiterin Gloriose im Huye Distrikt mit einem Schwerpunkt auf der gemeinschaftsorientierten Sozialen Arbeit.

Das anschließende Wochenende nutze ich dafür nicht nur physisch, sondern auch emotional in Ruanda anzukommen und freute mich auf die kommende Zeit und die bevorstehenden Erfahrungen und Herausforderungen.

COVID 19 legt auch in Ruanda das Leben still

Bereits sonntags gab die Regierung jedoch bereits erste Einschränkungen bekannt. So wurden bspw. alle Schulen und Kindergärten geschlossen und es wurde empfohlen, wenn möglich von zu Hause aus zu arbeiten. Da ich die ersten zwei Wochen im Büro hätte arbeiten sollen, blieb ich also montags zu Hause und erledigte meine Aufgaben im home office. Gleichzeitig beobachtete ich die Entwicklungen in Deutschland und stand im regen Austausch mit meinen Kommiliton*innen, die ebenfalls schon in ihren Praktikumsstellen in Namibia, Uganda, Mexiko, Vietnam und Nigeria waren. Zu keinem Zeitpunkt fühlte ich mich in Ruanda unsicher, sondern war vielmehr positiv überrascht über die weit verbreiteten und effektiven Hygienemaßnahmen, wie bspw. die mobilen Waschbecken zum Händewaschen vor jedem Supermarkt oder Restaurant. Zudem stand ich in sehr engem Kontakt mit meinen ruandischen Kolleg*innen, welche mir die neuesten Entwicklungen im Land direkt mitteilten.

Dienstagmorgen beim Kaffeetrinken erreichte mich dann die Nachricht von Ewald Dietrich, dass HHN alle Freiwilligen zurück nach Deutschland holen würde und auch ich bitte nach einem kurzfristigen Rückflug schauen sollte. Nach einem kurzen Telefonat mit Ewald, Rücksprache mit meiner Hochschule und dem telefonischen Kontakt mit der deutschen Botschaft in Kigali traf ich schweren Herzens die Entscheidung, tatsächlich wieder nach Deutschland auszureisen. Dank der tollen Unterstützung von Leopold gelang es mir nach mehreren Stunden per Zufall den letzten Sitzplatz in einer Maschine nach Frankfurt am Main zu buchen. Dies bedeutete jedoch, dass ich nur 1 Stunde zum Packen hatte, da damit zu rechnen war, dass sich die Wartezeiten an den Flughäfen aufgrund der erhöhten Vorsichtsmaßnahmen enorm verlängern würden. So flog ich am 17.März, 5 Tage nach meiner Ankunft in Ruanda und unverrichteter Dinge wieder zurück nach Deutschland.

Zurück nach Deutschland – ein Privileg

Die letzten zwei Wochen in selbstauferlegter häuslicher Quarantäne – vier internationale Flughäfen und drei verschiedene vollbesetzte Flugzeuge ließen mir keine andere Wahl– brachten mich sehr zum Denken. Schon vor meiner Ausreise und dem Beginn meines Praktikums in Ruanda hatte ich mich mit meinen Privilegien auseinander gesetzt. Nicht jeder Mensch hat das Privileg einfach in ein anderes Land zu reisen um dort ein Praktikum zu machen, um ein neues Land und neue Menschen kennen zu lernen, um sich kulturell, persönlich und beruflich weiterzubilden. Diese Ungleichheit machte es mir schwer, mich vollen Herzens auf mein Praktikum zu freuen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Dass ich nun aufgrund einer möglichen drohenden Gefahr wieder meine Privilegien genutzt habe, das Land Ruanda verlassen habe und zurück ins vermeintlich sicherere Deutschland gereist bin, brachte mich ins Grübeln.  Als Sozialarbeiterin ist es doch meine Aufgabe, Menschen bei der Bewältigung von Problemen und Notständen zu unterstützen. Wieso also bin ich nicht in Ruanda geblieben und habe vor Ort die Organisationen und oder die Menschen unterstütz? Stattdessen bin ich den leichteren Weg gegangen und zurück in mein sicheres zu Hause gekehrt. Inzwischen bin ich froh darüber, wieder in Mainz zu sein, denn auch ich habe Familie und Freunde, die zur Risikogruppe gehören und momentan besonders viel Unterstützung benötigen. Ich glaube, dass die ganze Welt gerade ein bisschen demütiger wird, weil wir merken, dass es Dinge gibt, die nicht in unserer Kontrolle sind; aber auch, weil wir bemerken, dass viele – in Deutschland – zu den Gewinner*innen der Geburtslotterie gehören.

Die nächsten Monate werden zeigen, wie es für die Menschen in Ruanda, der SFR, HHN und Aktion Tagwerk weitergehen wird. Daher ist es gerade jetzt so wichtig daran zu denken, dass nicht alle von uns wirtschaftlich und sozial gut abgesichert sind und dass gerade diesen Menschen unsere Solidarität gehören sollte.

Tabea Bender

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Katrin Dörrie

Als Referentin für Globales Lernen kümmert sich Katrin Dörrie um die Vermittlungen der neuesten Informationen aus den unterstützten Projektländern und Projekten. Unter anderem ist sie für die Inhalte des Aktion Tagwerk-Blogs verantwortlich.

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