22.03.2019

Joshuas Traum vom Ministerposten

Joshua ist 15 Jahre alt und träumt von einem Ministerposten im ruandischen Parlament. Er möchte Verantwortung übernehmen und sieht in der Politik eine Möglichkeit, sich für die ruandische Bevölkerung einzusetzen und die Gesellschaft in dem Land aktiv mitzugestalten.

Joshua weiß wovon er spricht, denn er hat selbst einen Ministerposten inne. Seit einem Jahr vertritt er als Minister of administration die Interessen und Wünsche der Jugendlichen im Straßenkinderzentrum  „Les Enfants de Dieu“. Eine besondere und wichtige Aufgabe.

Das Zentrum für ehemalige Straßenkinder liegt in der Hauptstadt Ruandas, Kigali, und verfolgt einen partizipativen und basisdemokratischen Ansatz: Ehemalige Straßenkinder verwalten das Zentrum eigenständig. Für alle wichtigen Bereiche gibt es ein Ministerium, so zum Beispiel für Bildung, Gesundheit, Verwaltung oder Kultur. Einmal im Jahr wählen die Kinder und Jugendlichen für alle Ministerien einen mindestens fünfzehn Jahre alten Minister und seinen dreiköpfigen Rat. Die Minister treffen alle Entscheidungen, die das Zentrum betreffen. So können sie gemeinsam Veränderungsprozesse anstoßen und bei allen wichtigen Themen im Zentrum mitentscheiden. Mit der Verantwortung wachsen Selbstvertrauen und Zuversicht.

Joshua sieht sich als Fürsprecher der Jugendlichen im Zentrum, schenkt ihnen sein Gehör und gibt ihnen eine Stimme. Er übernimmt aber auch organisatorische Aufgaben wie die Gestaltung des Speiseplans oder das Sammeln und Verteilen neuer Kleidung. Und wie auch bei einem richtigen Ministeramt im Parlament verlangt sein Amt die regelmäßige Teilnahme an Treffen mit Vertretern anderer Ministerien des Zentrums, um wichtige Angelegenheit gemeinsam zu besprechen. Manchmal kann sein Amt auch eine Herausforderung sein, besonders wenn Ratschläge nicht angenommen werden und mühsam Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.

Vom Straßenkind zum Vorbild für andere

Joshua ist stolz auf die wichtige Funktion, die er bei „Les Enfants de Dieu“ übernommen hat, und auf das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Vor drei Jahren hätte er sich so viel Verantwortung nicht vorstellen können. Joshuas Mutter leidet an einer schweren psychischen Krankheit, über seinen Vater spricht er nicht. Als kleiner Junge verließ er das Dorf, in dem er geboren wurde, und machte sich auf den Weg nach Kigali. Wie tausende andere Kinder suchte er in den Straßen der Stadt nach Essbarem, Arbeit und sicheren Schlafplätzen für die Nacht. In dieser Zeit konnte Joshua weder zur Schule gehen noch einen Arzt aufsuchen, wenn er krank war.

Auch die ersten Wochen bei „Les Enfants de Dieu“ waren schwer, er fürchtete sich vor den anderen Kindern und Erwachsenen, aber auch vor den Regeln und dem strukturierten Alltag.  Es kostete ihn viel Kraft, nicht wieder wegzulaufen. Aber sein älterer Bruder, der selbst im Straßenkinderzentrum Zuflucht gesucht hatte, machte Joshua Mut und so entschloss er sich zum Bleiben. Heute ist er sehr froh darüber. Im Straßenkinderzentrum hat sich Joshuas Leben stark verändert: er hat Freunde gefunden, die seine Geschichte teilen und verstehen, er geht wieder zur Schule und braucht sich nicht mehr um eine Schlafstelle oder genügend Essen zu sorgen. An den Nachmittagen kann er seinen Hobbys Volleyball spielen und traditional dancing nachgehen. Er hat Vorbilder wie seinen großen Bruder oder Willy, ein anderes ehemaliges Straßenkind aus dem Zentrum, die inzwischen ein eigenständiges Leben führen können. Und durch seine Ministerrolle ist er inzwischen sogar selbst zum Vorbild für andere Jungen geworden. Joshua blickt zuversichtlich und mit Selbstvertrauen in die Zukunft. Durch den partizipativen Ansatz bei „Les Enfants de Dieu“ hat er für sich entdeckt, dass es sich lohnt, Verantwortung zu übernehmen und sich für die Gesellschaft einzusetzen. Und wer weiß, vielleicht kann er das eines Tages sogar als richtiger Minister im ruandischen Parlament.

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Lea Korossy-Julius

Als Referentin für Organisation und Globales Lernen ist Lea Korossy zuständig für die inhaltliche Betreuung des Freiwilligenteams. Sie konzipiert Workshops zur Weiterbildung und bereitet die Freiwilligen auf ihre Infomobil-Besuche vor.

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