24.03.2020

Wer ist Sofia?

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Projektreise der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im sozialen Jahr von Aktion Tagwerk im Februar 2020. In den nächsten Wochen werden die Freiwilligen auf dem Blog über Ihre Erfahrungen in dem zentralafrikanischen Land berichten. Den Anfang macht Jonas Steib. 

Auf der Fahrt von Kigali, der Hauptstadt Ruandas nach Kibuye, einer Stadt im Westen Ruandas am Kivusee, sprach mich Leopold Ruzibiza, Strive Mitarbeiter und unser Gruppenleiter mit den Worten: “Say hello to Sofia“ an.Ich war erstaunt und entgegnete ihm: „Who´s Sofia?“. Leopold lachte und zeigte mir dann eine graue Säule auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „That’s Sofia“ .

Ich wunderte mich, denn ich hatte eine solche Säule schon einmal gesehen. Allerdings nicht in Ruanda, sondern Zuhause in Mainz. Die meisten Menschen sind allerdings eher weniger gut auf „sie“ zu sprechen, da es sich bei der Säule um eine „Blitzampel“ handelt. Dies war die erste Überraschung. Ich war zuvor bereits schon von der guten Infrastruktur Kigalis beeindruckt, welche im Übrigen der einer europäischen Hauptstadt sehr ähnlich erscheint, wie Ampeln, die die Wartezeit anzeigen. Trotzdem überraschte mich der Umstand, dass das scheinbare Verkehrschaos durch Geschwindigkeitsmessungen und dergleichen geregelt wird.

Doch dabei sollte es nicht bleiben: Wie Leopold mir im weiteren Verlauf der Fahrt berichtete, ist diese technische Einrichtung in der Tat noch sehr jung. Es gibt lediglich zehn Blitzampeln im gesamten Staatsgebiet von Ruanda. Jedoch sind alle „Sofias“ mit einem zentralen Rechensystem verbunden, welches per Kamera-Sensorik innerhalb weniger Minuten eine Halterabfrage für sämtliche Fahrzeuge durchführen kann. Registriert „Sofia“ die Überschreitung einer Geschwindigkeitsbegrenzung, so ist das System in der Lage dem Temposünder oder der Temposünderin direkt eine Nachricht auf das Smartphone zu schicken. Diese enthält neben der Haltungsabfrage und einem Beweisfoto gleich auch eine Zahlungsaufforderung für ein Bußgeld. Dieses kann daraufhin dann auch auf digitalem Wege bequem überwiesen werden.

Auch wenn sich die wenigsten Autofahrer/innen über eine solche Nachricht freuen dürften und man sicherlich hinsichtlich der Datenerhebung seitens des Staates kritische Positionen beziehen darf, so zeigt dieses Beispiel doch gut auf, wie fortschrittlich und effizient diese Technologie eingesetzt werden kann. Und das dort, wo wir es uns vielleicht gar nicht als Erstes vorstellen würden.

Ein weiteres Beispiel ist das Bezahlen per Handy, beispielsweise über den Dienstleister M-Pesa. Somit gehören Bargeldgeschäfte in vielen ostafrikanischen Ländern wie  in Ruanda oftmals schon der Vergangenheit an. Das Bezahlen über das Handy erfolgt dabei via SMS und ermöglicht somit Geldtransfers über nahezu jedes Mobilgerät. Für viele Ruander*innen schafft dieses System eine echte Erleichterung, denn das Bezahlen kann von jedem Ort einfach, schnell und sicher erledigt werden. Auch ich war des Öfteren überrascht, wie unkompliziert dieser Vorgang vonstattenging – oder wie Leopold sagen würde:“ I always have my wallet on my phone with me!“

Im Bereich der Telekommunikation macht Ruanda nun auch seit einiger Zeit eigene Schritte und hat bereits das „Maraphone“ entwickelt. Das erste Smartphone „Made in Africa“. Es wird vollständig in Ruanda gefertigt. Regierungspläne sehen vor, dass jeder ruandische Haushalt ein Gerät erhält. Somit bekommen alle Menschen in Ruanda die Möglichkeit an digitaler Innovation teilzuhaben. Viele Ruanderinnen  und Ruander sind zurecht stolz auf diese Entwicklungen welche wahrscheinlich viele Menschen auch in Deutschland überraschen dürften.

Trotzdem ist das Land im technologischen Bereich auch durch Gegensätze geprägt. Die Hauptstadt und größere Städte zeichnen sich durch den beschriebenen Fortschritt aus und entwickeln sich auch weiterhin konsequent. Auf dem Land sieht die Situation vielerorts allerdings anders aus. Hier lebt nach wie vor ein großer Teil der Bevölkerung in ärmlichen Verhältnissen. Häuser ohne fließendes Wasser und ohne Strom sind keine Seltenheit. Deutlich wurde dies auf unserer Reise vor allem bei den Kinderfamilien: Diese haben nur in den seltensten Fällen einen Zugang zum Internet, und nur einige wenige haben Handys. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wirklich alle Menschen von der technologischen Entwicklung profitieren können.

Die Frage wann dies geschehen wird und in welchem Umfang moderne Technologien in diesen Bereichen den Alltag der Menschen nachhaltig verändern beschäftigt mich seitdem sehr. Deshalb verfolge ich nun aufmerksam alle technischen Veränderungen aus Ruanda!

Von Jonas Steib

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Katrin Dörrie

Als Referentin für Globales Lernen kümmert sich Katrin Dörrie um die Vermittlungen der neuesten Informationen aus den unterstützten Projektländern und Projekten. Unter anderem ist sie für die Inhalte des Aktion Tagwerk-Blogs verantwortlich.

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