27.11.2019

Wie ernährt man eine Familie auf 50 Quadratmetern?

Ruanda ist eines der am dichtesten besiedelten Länder Afrikas. Auf einer Fläche von rund 26.000 km2 leben inzwischen über 12 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Rheinland-Pfalz und das Saarland haben zusammen eine Fläche von rund 22.000 km2, hier leben aber nur rund 5 Millionen Menschen.

Unter den Zahlen kann man sich vielleicht erst mal nicht so viel vorstellen. Und wo liegt das Problem, wenn viele Leute eng zusammen wohnen? Deutlicher wird die Herausforderung, wenn man sich an einem Beispiel ansieht, was die dichte Besiedelung für eine Familie bedeutet.

Germaine lebt mit ihren Schwestern Claudette und Justine in einer sehr ländlichen Region im Westen Ruandas. Seit ihre Mutter verstorben ist, wohnen sie alleine. Eine ältere Schwester lebt in Kigali, und sendet manchmal etwas Geld. Ansonsten machen Germaine und ihre Schwestern aber das, was für die meisten Familien in Ruanda Alltag ist um ihren Lebensunterhalt zu sichern: sie betreiben Landwirtschaft und bauen das an, was sie essen.

Und nun kommt die dichte Besiedlung ins Spiel: die landwirtschaftlichen Flächen sind wegen der hohen Bevölkerungsdichte sehr knapp. Für Germaines Familie bedeutet das, dass sie ein einziges Feld in der Größe von ca. 50 m2 zur Verfügung haben. Dazu kommen noch zwei kleine Beete auf der einen Seite des Hauses, und hinter dem Haus ein Beet von ca. 2 m2, das eigentlich zum Feld des Nachbarn gehört, das sie aber netterweise nutzen dürfen. Die gesamte Fläche, die den Schwestern zum Anbau zur Verfügung steht, ist also insgesamt nicht größer als ca. 55 m2. In Deutschland sind manche Vorgärten größer.

Politiker und Wissenschaftler diskutieren immer wieder darüber, wie viel Fläche man braucht, um einen Menschen das ganze Jahr über zu ernähren. Eine allgemein gültige Zahl gibt es dazu nicht, es kommt sehr auf die Art der Nutzung, auf die Qualität des Bodens und vieles mehr an. Einige sagen, bei einer optimalen Nutzung wären 2000 m2 pro Person ausreichend, andere gehen von 4000-6000 m2 aus. Sicher ist: 55m2 sind auf keinen Fall genug, schon gar nicht für eine dreiköpfige Familie. Trotzdem stehen Germaine und ihre Schwestern ebenso wie viele andere ruandische Familien genau vor dieser Herausforderung: einem viel zu kleinen Stück Land möglichst viel Nahrung abzuringen.

Das ist auch der Grund, warum im Kinderfamilien-Projekt von Aktion Tagwerk die landwirtschaftlichen Berater so wichtig sind. Sie erklären den Familien, was sie tun können, um ihre Ernte zu steigern und helfen ihnen bei der Umsetzung. So haben viele Kinderfamilien beispielsweise Buschbohnen angebaut. Die landwirtschaftlichen Berater haben ihnen vorgeschlagen, stattdessen Stangenbohnen zu nehmen. Diese ranken an Stöcken hoch, und verbrauchen dadurch weniger Platz. Viele Familien konnten durch diese Veränderung zweieinhalbmal mehr Bohnen ernten als zuvor, das heißt, wenn sie vorher 40kg Bohnen geerntet haben, ernten sie nun 100kg. Auch der Einsatz von Kompost oder die Bewirtschaftung eines Küchengartens in der Trockenzeit sind Techniken, die helfen können.

Trotzdem bleibt der Mangel an Ackerfläche eine große Herausforderung. Germaine und ihre Schwestern sind stolz, dass sie inzwischen vier Ziegen besitzen und somit selbst Fleisch produzieren können bzw. die Tiere verkaufen können, wenn sie Geld benötigen. Da sie aber nur so wenig Land zur Verfügung haben, haben die Tiere keinen Platz zu weiden. Die Schwestern müssen Gras von öffentlichen Flächen sammeln und es zu den Ziegen in den Stall bringen, der sich in einem Zimmer ihres Hauses befindet. Das ist natürlich viel Arbeit und nicht immer einfach.

Die ruandische Regierung versucht, die Ackerflächen im Land zu maximieren, indem zum Beispiel Häuser nur mehr auf den Hügeln gebaut werden dürfen, die fruchtbaren Flächen im Tal sollen für die Landwirtschaft freigehalten werden. Verbessertes Saatgut und neue Techniken sollen die Erträge auf kleinen Flächen verbessern. Aber nichtsdestotrotz bleibt die Landfrage eine der größten Herausforderungen des zentralafrikanischen Landes. 

Diesen Artikel können Sie hier teilen:

Katrin Dörrie

Als Referentin für Globales Lernen kümmert sich Katrin Dörrie um die Vermittlungen der neuesten Informationen aus den unterstützten Projektländern und Projekten. Unter anderem ist sie für die Inhalte des Aktion Tagwerk-Blogs verantwortlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.